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ERINNERUNGEN FÜR MORGEN
interdisziplinäre Recherche

Die Präparation ist ein (Kunst-)Handwerk, welches Naturfunde konserviert und aufbereitet, um sie als Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung und -vermittlung sowie zur ästhetischen Betrachtung bereitzustellen. Sie werden gesammelt, klassifiziert und in Kulturdepots archiviert.
In naturkundlichen Sammlungen aufbewahrt üben Tier-Präparate eine eigentümliche Faszination aus: Der Zeit enthoben, auf der Schwelle zwischen Tod und Leben verharrend, scheinbar im Sprung zurück ins Leben eingefroren, ahmen sie kunstvoll Lebendigkeit nach. In dieser Regungslosigkeit und der still-schweigenden Erwiederung des Blickes der Betrachter*innen offenbart sich dabei auch eine Fremdheit, ein Nicht-Verstehen (von Natur). Die auf Glaskörper gemalten Augen fungieren als Reflektionsfläche, sie stellen das menschliche Selbstbild und Selbstverständnis in Frage, lassen den Menschen selbst zum Gegenstand der Betrachtung werden. In dieser Praxis liegt eine Dialektik: Tier-Präparation beabsichtigt, natürliche Verwesungsprozesse aufzuhalten, die Illusion von Leben zu erzeugen und hat dabei den Tod eines einzelnen Körpers zur Voraussetzung: Das Tier ist weg, es ist tot, es bleibt nur die Haut, die einen neuen Körper umschließt und Leben suggerierend die Transformation hin zum Artefakt vollzieht. Das Präparat besetzt und gestaltet kunstvoll eine Leerstelle und verweist stets auf ein Abwesendes, seinen Repräsentanten, das tote Tier. In diesem Sinne kann Taxidermie als Teil von Erinnerungskultur verstanden werden. Es handelt sich um eine Kulturpraxis, die sich der Endlichkeit, dem Verfall und dem Vergessen zu widersetzen versucht. Anhand eines Tier-Präparates wird ein postmortales Betrachten, Gedenken und Abschiednehmen ermöglicht. Vor dem Hintergrund zeitgenössischer Diskurse des Artenverfalls gewinnt dieser Aspekt der Praxis an Dringlichkeit, denn vergegenwärtig wird nicht nur der Verlust eines einzelnen Exemplars sondern der seiner Spezies.

Vorausgegangen ist „The Big Sleep“ die zwischen 2017-2019 durchgeführte Recherche „Erinnerungen für Morgen“, die sich mit dem paradigmatischen Wandel naturkundlicher Sammlungen beschäftigt hat; ihrer Transformation von Orten der Repräsentation existierender Arten zu Orten der Präsentation unwiederbringlich vergangenem Leben. Interviews mit über 25 Präparator*innen und weiteren naturwissenschaftlichen Expert*innen begründen die Faszination an der Präparation. Das dokumentierte Material ist Grundlage der unterschiedlichen Projektformate. In einer zweisprachigen Begleitpublikation (Deutsch, Englisch) zum Gesamtprojekt „The Big Sleep“ werden Recherchedokumente, Interviewpassagen und Werkstatteindrücke mit der Materialsammlung der Künstler*innen collagiert.

Interviewpartner*innen der Recherche:

Nadir Alvarez (Genf, CH), Sabrina Beutler (Düdingen, CH), Isabel Blasco Costa (Genf, CH), René Diebitz (Leipzig), Jürgen Fiebig (Berlin), Jens Freirer (Pfaffroda), Edwin Gnos (Genf, CH), Dirk Grundler (Magdeburg), Mike Jessat (Altenburg), Sirpa Kurz (Zürich, CH), Bernard Landry (Genf, CH), Ronny Maik Leder (Leipzig), Lydia Mäder (Frohburg), Pater Oswald (Kloster Einsiedeln, CH), Jan Panniger (Berlin), Alwin Probst (Basel, CH), Christian Richter (Harzgerode), Michel Sartori (Lausanne, CH), Michael Stache (Halle a.d. Saale), Fanny Stoye (Waldenburg), Laurent Vallotton (Genf, CH) und weitere

Beteiligte Institutionen:

Naturkundemusem Leipzig, Mauritianum Altenburg, Naturalienkabinett Waldenburg, Naturkundemuseum Potsdam, Naturkundemuseum Berlin, Naturhistorisches Museum Basel, Museum für Zoologie Lausanne, Naturalienkabinett Kloster Einsiedeln, Naturkundemuseum Bern, Naturkundemuseum Genf

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