MENU CLOSE

INTERVIEWS (Auszüge)

Lydia Mäder, zoologische Präparatorin, Frohburg, 2017

Also wo ich wirklich sage, das könnte ich jeden Tag machen, drei Wochen am Stück, das sind weiße Kaninchen. Die gefallen mir. Wo ich meine Prüfung machen musste, da musste ich ein Säugetier und einen Vogel machen und da musste ich mir irgendwoher Tiere organisieren, möglichst auch mehrere von der selben Art, dass ich das üben kann, dass ich da die Sicherheit krieg und auch die Schnelligkeit. Und da hab ich aus Altenburg Steinkäuze bekommen, 6 Stück. Dann hatte ich schonmal den Vogel. Eulen sind sowieso leicht zu machen, das hat gleich gepasst. Und dann brauchte ich noch das Säugetier. Ich dachte erst an Meerschweinchen, kriegste leicht, aber ne. Und dann bin ich auf Kaninchen gekommen, die konntest du im Internet bestellen, als Futtertiere. Da konntest du dir sogar die Größe raussuchen. Da hab ich mir gleich die Größe genommen, die gut war. Ich glaub, das sind irgendwelche Laborkanickel gewesen, von einer Kontrollgruppe – die wären sowieso gestorben. Na ja und dann hab ich die Kaninchen bestellt und dann waren das alles weiße und die sind übelst schwer und übelst anspruchsvoll, die will keiner machen. Kaninchen sind an sich schon anspruchsvoll, weil die die langen Ohren haben, wo du viel Haut siehst. Und wenn du viel Haut siehst, heißt’s immer: schwer. Und dann haben gerade die weißen, weil die nun also aus dem Labor kommen, eine ganz dünne Haut. Die reißen sehr, sehr schnell ein. Also, die sind von der ganzen Bearbeitung sehr anspruchsvoll. Und was auch noch ist: Wenn du die dann nachkolorieren musst, dieses Rosa an den Augen, das ist sehr, sehr schwer. Das ist dann wirklich Königsdisziplin und macht auch wirklich Spaß. Du bist dann immer unzufrieden damit, aber hoffst, dass du es wirgendwie hinkriegst. Ja, die machen wirklich Spaß, die weißen Kanickel! Und ich hatte dann mal recherchiert: Es gibt keinen weißen Kaninchen mit braunen Augen, die haben alle blaue Augen oder rote. Und die roten Augen sehen blöde aus. Dann hab ich braune Augen reingemacht, weil das einfach schön aussieht. Also, die weißen Kanickel, das ist so meins, ja.

Sabrina Beutler, zoologische Präparatorin, Düdingen (CH), 2018

Die Faszination an Präparaten ist für mich die Möglichkeit, eine Begegnung zu haben mit einem Tier, die nicht möglich ist über zweidimensionale Medien wie Film oder Foto, obwohl man da auch sehr viele Informationen transportieren kann. Ein Tierpräparat birgt die Möglichkeit auf psychologischer Ebene, dass man die ganz persönliche Begegnung mit diesem Tier hat. Das geht bei echten Tieren natürlich, im Zoo beispielsweise, dass einen mal ein Gorilla direkt anschaut, das ist für die Leute immer sehr eindrücklich, wenn diese Begegnung stattfindet. Und es funktioniert interessanterweise eben auch mit dieser dreidimensionalen Plastik, wo ich die gegerbte Haut wieder drüberziehe, die mit diesem Gorilla, wenn wir ehrlich sind, nicht sehr viel zu tun hat: Es ist meine Interpretation mit seinem Fell. Aber die Leute haben dann eine Begegnung mit diesem Gorilla gehabt. Und dass ist die Faszination für mich am Tierpräparat, aber eben auch an meinem Beruf, diese Begegnung zu ermöglich. Die erhebt eine hohe Anforderung an mich fachlicher Natur: das Tier muss ausreichend realistisch rüberkommen, damit diese Begegnung stattfindet. Und es ist auch eine große Verantwortung, weil die Leute den Gorilla so in der Regel nicht treffen können und der Gorilla kann sich den Menschen nicht vorstellen, aber ich kann zu diesem Moment beitragen. Und ich präge natürlich entscheidend das Bild, dass die Leute dann von diesem Tier haben. Also ich vermittel, was sie davon mitbekommen sollen; auf welche Weise die Begegnung stattfinden soll. Und das ist eine ganz faszinierende Herausforderung.

Entsprechend sind Präparate immer Ausdruck des Zeitgeistes. Da ist man nie gefeit davor, dass man ein Kind seiner Zeit ist: heute vielleicht Hyperrealismus, emotionale Neutralität. Man würde einen Wolf nicht mehr zähnefletschend, sondern um Himmelswillen politisch korrekt zeigen. Der steht einfach. Das ist dann wieder sehr typisch für unsere Zeit und in 60 Jahren gucken die zurück auf unsere Präparate und sagen: Typisch 21. Jahrhundert, oh Gott!

Wenn ich heute einen Gorilla präparieren würde, dann wäre das eine lange, lange, lange, lange Diskussion mit dem Auftraggeber darüber, was vermittelt werden soll. Also diese Entscheidung treffe ich nicht alleine. In Zusammenarbeit mit denen, die das letztendlich bezahlen sollen, wird das besprochen. Was wollt ihr vermitteln mit diesem Präparat? Soll beispielsweise ein bestimmtes Verhalten gezeigt werden? Also es gibt einen stark pädagogischen Fokus mit diesen Objekten, der hat einen Zweck. Der ist nicht einfach Gorilla, um des Gorilla-Seins willen. Sobald er ein Präparat werden soll, hat er einen Zweck.

Es ist oft so, dass sich die Museen die konkreten Gedanken so noch gar nicht gemacht haben. Es ist oft eine relativ spontane Aktion, weil man eben gerade an das Tier rankommt. Da stibt was oder wird was überfahren und das muss man erstmal entscheiden: wir wollen das. Und dann ist man aber noch weit entfernt von einem Konzept. Ich berate dann, was möglich ist, was sich anbieten würde bei einer Art. Beim Gorilla würde ich instinktiv auf die Hände und Füße eingehen, die anatomischen Features: abspreizbarer Daumen beim Fuß, ganz kurze Daumen bei der Hand, auch dass er nicht so geschickt ist mit den Händen wie wir es sind, auch dass er ein Knöchelgeher ist, das heißt, der hat Schwielen an den Fingerknöcheln. Man könnte auf Gesichtsmerkmale eingehen, dass sie diese starken Wülste haben um die Augen herum, die ihn vor Ästen schützen, die ins Gesicht schlagen könnten. Man könnte einen Akzent darauf legen, dass die Sclera des Auges, die bei uns weiß ist, dass die braun ist, das heißt, die können viel weniger kommunizieren über Blicke, was bei uns extrem ausgeprägt ist als Spezies. Wir merken sofort ob einer schielt, irgendwohin linst ganz heimlich, Gorillas nicht, Schimpansen auch nicht.

Es gibt immer diese zwei Aspekte: Soll was spezielles Anatomisches sichtbar sein oder soll ein Verhalten dargestellt werden, dass im Rahmen einer Ausstellung thematisiert wird?

Im Moment ist es so, dass Menschenaffen nicht mehr romantisiert, als bessere Menschen, dargestellt werden. Das sind sie überhaupt nicht, sie sind genauso arschig und egoistisch wie wir auch, aber eben anders. Man hat schon das Bedürfnis sich abzugrenzen von dieser zähnefletschenden Epoche, in der Zeit in der man mit Tropenhelmen und Wadenbinden durch den Kongo wanderte und sich das Zeug zusammengesammelt hat. Da ist man nicht vor gefeit, sich davon distanzieren zu wollen. Aber vielleicht nicht mehr ganz ins Extrem kippend. Man würde sich wohl was Realistisches suchen.

Sabrina Beutler, zoologische Präparatorin, Düdingen (CH), 2018

Die ganz frühen Anfänge, die findet man wohl schon in der Eiszeit: Steinzeitjäger, die sich irgendwas aufheben. Also der Kern der Taxidermie ist einfach Trophäensammlerei. Das ist etwas Grundlegendes des Jägerstatus‘, dass er seinen Sozialstatus zum Ausdruck bringen will, dass er irgendwelche kapitalen Fiecher erlegt. Das ist etwas sehr Nachvollziehbares, wenn man sich in den steinzeitlichen Alltags des Berufsjägers zurückversetzt. Der ist halt wirklich ein Platzhirsch, wenn er große, tolle Fiecher erlegen kann und die dann vor seiner Behausung in Szene setzt. Das entsteht so früh schon, wie er sich das leisten kann Tierstücke aufzuheben, die er nicht zum Essen braucht. Das ist ein bisschen Luxus. Aber er wird wohl sehr früh schon das Bedürfnis gehabt haben, das zu tun, weil er dann ein toller Hecht ist.

Das ist natürlich weit hergeholt, das schon als Taxidermie zu bezeichnen, aber ich glaube im Kern ist es eben doch das selbe: Man hebt sich irgendwas auf, weil man Status draufpackt. Es ist komplexer geworden, weil wir noch luxoriöser unterwegs sind. Das heißt, unser Drang nach Jagen und Sammeln lagert sich dann um und definiert Kulturgut und so was, das ist immer noch ein Sammeltrieb, so wie es schon immer einer war.

Die Ursprünge der heutigen Taxidermie lassen sich zurückdatieren auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und geht einher mit einer Veränderung der Naturanschauung, mit dem Drang nach Naturwissenschaft, Forschung. Man hat angefangen die Tiere nicht mehr als direkten Jägerstatus zu konservieren sondern zu dokumentieren. Und in der nächsten Runde kam dann eine zunehmend emotionslose, neutrale, naturwissenschaftlich korrekte Darstellung auf bemerkenswert hohem Level – wenn man bedenkt, dass die vor Google, Youtube, vor großen Zoos, die auch exotische Tiere erfolgreich nachzüchten. Das heißt, wenn ich einen Löwen sehen will, dann fahre ich in den Zoo, ich kann ins Internet gehen und mir eine Unmenge Bilder reinziehen, wie so ein Tier aussieht. Und damals bekamen die trockengesalzene Häute aus Afrika und mussten Pi mal Daumen einen Löwen nachbilden. Wenn man das berücksichtigt waren die zum Teil richtig, richtig gut. Und die haben sich auch als Künstler verstanden und entsprechend viel Fokus auf eine überzeugende, realistische Wirkung gelegt, die man vorher so nicht kannte.

Wir wollen alles, alles, alles erhalten – nicht für ein Leben danach, aber für die Zukunft. Für das Diesseits, nicht das Jenseits, aber doch eigentlich, wenn’s geht, für immer. Es ist so, dass auch wir das Streben haben nach Dingen, die über uns hinausgehen, die länger anhalten. Ich kann es nicht verleugnen, dass es mich berührt, wenn ich vor einem Holzhaus aus dem 16. Jahrhundert stehe. Irgendwie berührt uns das als Spezies, wir sind so.

Das Erhaltenwollen. Wir archivieren auch digitale Daten. Wir wollen, dass Dinge erhalten bleiben. Und zwar für immer und relativ unspezifisch alles. Wenn man schaut, was alles als Kulturgut archiviert wird, das ist irgendwie ein Einkaufswagen. Weil es Ausdruck ist eine momentanen Kultur. Ja, nachvollziehbar, aber wir wollen, dass das bleibt, weil wir finden, das muss irgendwie bleiben. Wie ein Eichhörnchen, das Nüsse vergräbt, weil die auch bleiben müssen für den Winter, weil das überlebensnotwendig ist. Und für uns werden andere Dinge gefühlt überlebensnotwendig. Man befürchtet, dass Anarchien ausbrechen, weil ganze kulturelle Identitäten verloren gehen – das ist wie das Eichhörnchen, das sein Winterlager verliert, das hat dann auch Existenzängste. Meine Nüsse! Unser Kulturgut! Meine kulturelle Identität geht vor die Hunde! Ich bin nicht sicher, ob das so schlimm ist. Man kann sich eine neue schaffen, so lange die Kultur lebt, es passiert der nichts.

Ich sehe da eine Gemeinsamkeit drin, die Angst vor der Endlichkeit, die sich verschieden äußert. Es ist ein grundsätzliches Ding von unserer Spezies in unserem Kulturkreis, es ist auch nicht global. Der Wechsel der Jahreszeiten, der uns extrem stark prägt. Wir scheffeln Kohle, wir scheffeln alles mögliche aus diesem Bestreben heraus uns zu wappnen für Zeiten, wo man das vielleicht nicht mehr einfach so hat. Und dann scheffeln wir eben auch Tierpräparate und füllen Kulturgut-Depots auf.

Es ist spezifisch für unsere Zeit, für unsere Kultur auf jeden Fall, dass wir davon ausgehen, dass das in der Zukunft auch wertvoll sein wird. Das ist wie das Eichhörnchen mit seiner Nuss. Das weiß, dass im Winter die Nuss nicht mehr am Baum hängt, das heißt, man muss sie im Herbst vergraben, damit man sie im Winter hat. Wir gehen immer davon aus, dass dieser Winter kommt, dass man dann diese Depots braucht, weil es das nicht mehr gibt. In gewissen Kontexten kann das absehbar real sein, dass wir jetzt Sachen archivieren, die es dann eventuell wirklich nicht mehr gibt. Was man dann immer noch hinterfragen kann, ist: Wie schlimm ist das? Ich sag nicht, dass das nicht schlimm ist, aber man darf das situativ auch mal hinterfragen – grad in Bezug auf Kulturgüter. Ja, ist dieser Einkaufswagen dann in 100 Jahren wirklich so aufschlussreich und kulturell identitätstiftend? Das mag sein, ich weiß es nicht. Das finde ich vor allem charakteristisch für unser Verhalten im Moment, dass wir nicht nur vorausplanen für die Zukunft und für das Leben danach sozusagen arbeiten – das tat man schon immer und das tun andere auch – aber wir gehen davon aus, dass das wichtig sein wird. Wir rechnen mit diesem metaphorischen Winter, weil wir hier in einer Welt leben, in der dieser Winter kommt. Und dann scheffeln wir auf Vorrat.

Es ist ja eigentlich so, dass man Dinge nur wertvoll findet, wenn sie endlich sind, wenn sie damit drohen zu verschwinden. Wenn sie nicht damit drohen zu verschwinden, dann sind das Plastik im Meer, das ist ein Problem und das geht nicht mehr weg. Das häuft sich an und verseucht die Strände und Tiere sterben. Oder das sind Uran-Brennstäbe, die man in Salzlake vergraben muss, weil, die gehen nicht mehr weg. Das ist dann sehr problematisch, aber wenn etwas damit droht zu vergammeln, zu verwittern oder sonst wie zu verfallen, dann löst das in uns diesen Reflex aus das zu verhindern und zu konservieren.

Beispielsweise bringen die Leute einen Vogel, der gegen die Scheibe flog. Sie werden einfach konfrontiert mit der Schönheit dieses Vogels: Zum ersten Mal ganz nah, man kann ihn anfassen, die Flügel auf und zu machen und sieht: Oh, das funktioniert. Wer hätte das gedacht! Dann wissen die, der ist tot, der fängt jetzt an zu verwesen. Und dann kickt dieses Eichhörnchen: Das darf nicht sein, dass der verwest, da muss man investieren! Und dann zahlen die Geld, damit das nicht stattfindet. Die würden niemals Geld investieren in einen lebenden Specht, der ist ja da. Aber sobald er damit droht nicht mehr da zu sein, dann kickt dieser Nerv in unserer Spezies, dass man das jetzt erhalten möchte, weil er endlich wird, er verschwindet, er sagt: Na, na, tschüss! Und das macht ihn wertvoll. Und dann fragen sie: Wie lang ist das jetzt haltbar? Das ist eine ganz pragmatische Frage und ich sag dann, das hängt davon ab, was passiert. Es gibt immer äußere Einflüsse, die sowas sehr schnell beenden können. Im Falle eines präparierten Spechts kann es das Enkelkind sein, das lutscht es einmal durch und dann war’s das. Oder die Katze springt dran hoch oder der Jagdterrier. Und dann ist’s vorbei. Wenn alles gut läuft kann so eich Specht als Präparat schonmal 100 Jahre und mehr überdauern. Ihc formulier das den Leuten dann gerne so: Gerade weil sie ja kein Kulturschutzprogramm hochfahren können, das eine langfristige Erhaltung dieses Präparats gewährleistet, kann ich Ihnen den Specht nicht für immer geben. Von dem Moment an wo sein Immunsystem kippt, fängt die Natur an ihn abzubauen. Und es gibt nichts widernatürlicheres als einen Tierpräparator, der dann sagt: Ne, Stopp, das kommt nicht in Frage, das bleibt jetzt! Die ganze Natur strebt nach Abbau von toter Materie. Und ich sag ihnen dann: Ich kann euch einfach mehr Zeit geben, von diesem Specht Abschied zu nehmen. Vielleicht 100 Jahre, vielleicht ein paar Jahrzehnte, vielleicht ein paar Wochen, je nachdem was bei euch Zuhause so alles abgeht. Es ist einfach nur ein längeres Abschiednehmen. Aber man kann’s nicht für immer aufhalten, aber das macht nichts, weil es ihn wertvoll macht. Man lernt das Leben zu genießen, wenn man krank ist. Man lernt Dinge zu schätzen, weil sie vorbei gehen. Und das ist ein ganz wichtiger Aspekt, den ein Tierpräparat mitbringt. Es geht in erster Linie darum, den Leuten diese Faszination zu vermitteln, den Fokus auf diesen Specht mal drauf zu richten, dass sie sehen, das ist etwas fantastisch Schönes. Dann darf dieses Präparat, der Specht, auch kaputt gehen, weil die Faszination gegeben ist. Die verallgemeinert sich dann und generiert ein umsichtigeres Umgehen mit der Natur, weil eben diese Begegnung stattgefunden hat. Die Begegnung wird wertvoll durch die Endlichkeit. Das muss uns nicht stressen, dass diese Dinge vorbeigehen. Wir können den Leuten nur ein bisschen mehr Zeit geben, dass sie das realisieren, damit diese Begegnung stattfinden kann. Und dann leben wir weiter. Dann enstehen neue Arten und neue Kulturen und das Leben findet einen Weg, das stand schon bei Jurassic Park.